Orientalismus, Eurozentrismus, Rassismus: Herrschaftslegitimatorik in Weiß


orientalismus.info +++ Beiträge zur Provinzialisierung Europas +++ ein Lexikonartikel zu 'Kulturimperialismus' +++ "Kulturimperialismus ist weiß." +++ Disclaimer beachten! haftung ?!


Der nachstehende Artikel war ursprünglich zum Teil als  Lexikoneintrag  konzipiert und trug der Tatsache Rechnung, dass auch in Wikipedia keine Information zum Schlagwort ‚Kulturimperialismus’ verfügbar war. Angesichts der Geläufigkeit von Kulturimperialismus als politische Vokabel in ‚globalisierten' Zeiten ist es erstaunlich, dass fundiertes Wissen hierzu nicht verbreitet oder wenigstens leicht zugänglich ist. Da ich nicht finden konnte, was ich suchte, habe ich es selbst geschrieben und hoffe, damit zudem einen aktuellen definitorischen Klärungsbeitrag anbieten zu können. Lexikalischen Gepflogenheiten folgend wurden die zitierten Titel ohne stellengenaue Seitenangaben aufgeführt. Diese werden gelegentlich nachgetragen. Inhaltlich thematisiert der Text, wie der Begriff des Kulturimperialismus in die wissenschaftliche Diskussion eintrat, welche verschiedenen Ausprägungen und Anwendungen er dort erfuhr, welche Resultate und Impulse davon ausgingen und noch ausgehen und was er in der internationalen Forschungsdiskussion heute bedeuten kann. Es handelt sich um die Skizze einer ‚kleinen Begriffsgeschichte des Kulturimperialismus’, die zwar grausam knapp und unvollständig ausfallen muss, aber doch die wesentlichen Merkmale wenigstens anleuchten sollte. Ohne den geschichts-und ideologiekritischen Zugriff lässt sich Kulturimperialismus dabei nicht adäquat erfassen. Allzu wahrscheinlich schlittert man dann auf einem kaum tragfähigen, nur scheinbar realhistorischen Glatteis herum, das Begriffe unhinterfragt als Fakten voraussetzt und so zur Verwirrung statt Klärung beiträgt. Das gilt z.B. auch für die verballhornten Nutzanwendungen als Schlagwort im politischen Tagesgeschäft oder philosophischen Journalismus, die -außer in Form dieser Abgrenzung- für eine definitorische Annäherung an den wissenschaftlichen Kern des Begriffs nicht relevant sind. Der Artikel zog übrigens sogleich einen (letztlich abgelehnten) Löschantrag in
Wikipedia nach sich, dessen aufschlussreiche Diskussion auf orientalismus.net in einem Extrafenster dokumentiert ist. Der Nachtrag zu Gandhi als Anti-Kulturimperialist’ ist erst im September 2007 entstanden.

005 - Kulturimperialismus 


    Kulturimperialismus als wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand eingeführt hat Frantz Fanon in den 1950er und frühen 1960er Jahren, insbesondere mit „Les Damnés de la Terre“ 1961, mit dem er aus der Perspektive der Kolonisierten und mit entschieden revolutionärer Stoßrichtung eine Art ‚antikoloniales Manifest’ vorgelegt hat. Die besondere Leistung Fanons besteht im soziopsychologischen Aufspüren kolonialer Deformation, die als pathologische Zerstückelung des Menschen, seiner Funktion und seiner Einheit wirkt. Auf kolonisierter Seite zerstören Entmächtigung, Herabsetzung und Nachahmungsgebot Selbstbewusstsein und soziale Solidarität und führen zu Selbstverachtung und Entfremdung. „Der Rassenhaß, die Versklavung, die Ausbeutung und vor allem der unblutige Völkermord, nämlich das Beiseiteschieben von eineinhalb Milliarden Menschen“ verweisen nicht nur auf die gewaltige Macht ökonomischer, militärischer, politischer oder technischer Mittel, sondern auf eine der Inferiorisierung des Farbigen korrespondierenden Überlegenheitskultur des Weißen. Mehr als Fanons Befürwortung revolutionärer Gewalt im antikolonialen Befreiungskampf oder seine kompromisslosen Reparationsforderung für Jahrhunderte der Schändung dürfte dieser ins dunkle Herz der weißen Leitkultur zielende Angriff für die inhaltliche Rezeptionsblockade in der westlichen Wahrnehmung gesorgt haben, obwohl gerade in nachkolonialer Zeit kulturimperialistische Modelle plausible Erklärungsansätze für das effektiv ununterbrochene Weiterwirken imperialistischer Herrschaftsverhältnisse über die Dekolonisationen hinaus anzubieten hatten.

    So blieb die nachhaltige Prägung des Begriffs Johan Galtung mit seiner „Structural Theory of Imperialism“ 1971 vorbehalten, worin Imperialismus zunächst allgemein als eine Herrschaftsbeziehung zwischen zentraler und peripherer Nation beschrieben wird, in der wichtige Interessen zwischen zentralem und peripherem Zentrum harmonieren, zwischen zentraler und peripherer Peripherie aber auseinanderklaffen. Zudem ist der innere Widerspruch innerhalb der peripheren Nation größer als innerhalb der Zentralnation. Galtung zerlegt Imperialismus über diese 3 definitorischen Kriterien hinaus weiter in 2 Mechanismen, 5 Typen und 3 Phasen. Die 5 basalen Typen lauten: ökonomischer, politischer, militärischer, Kommunikations- und eben kultureller Imperialismus - und „wir haben keine Theorie, die darauf hinweist, daß einer der Typen grundlegender als die anderen ist oder ihnen vorausgeht.“ Vielmehr sind die Typen sogar ineinander konvertibel und müssen für einen „perfekten Imperialismus“ auch in allen 5 Dimensionen dieses ungleichen Austauschs voll entfaltet interagieren. In dieser Sicht tritt direkte Gewalt oder deren latente Androhung in dem Maße zurück wie kulturelle Dominanz stärker aus dem Schatten bisheriger Imperialismustheorien hervortritt. Sind diese 5 Typen richtig abgewogen, ergibt sich ein allgemeiner Imperialismus, der „ein perfektes Instrument der strukturellen Gewalt“ darstellt. Somit ist kultureller Imperialismus in der begrifflichen Hierarchie als ein Typus unter allgemeinem Imperialismus und struktureller Gewalt angesiedelt, der selbst wiederum Untertypen (z.B. wissenschaftlichen Imperialismus) enthält. Innerhalb dieses Framesets liefert und lehrt das Zentrum der Peripherie seine Kultur (z.B. in Form bestimmter Bildungen, Wissenschaften, Theorien, Lerninhalte, Wertekanons oder Ästhetisierungen und Idealisierungen als Kunstwerk, Belletristik, Comic, Film, Musik oder Lifestyle), soweit die eigene Machtstellung damit gesichert wird, und bietet der „kultursuchenden“ Peripherie bzw. zentralen Teilen davon auf ungleicher Basis gleichzeitig ein legitimierendes Entwicklungs- und Partizipationsversprechen.

    Im Fortgang der Rezeptionsgeschichte sind Galtungs theoretische und analytische Feinheiten weitgehend verloren gegangen. Der Begriff des Kulturimperialismus wurde und wird -auch in wissenschaftlichen Titeln- meistens diffus, verkürzt, vergröbert oder ganz unreflektiert so eingesetzt, als ob er a) völlig selbstverständlich irgendwie eine Art Imperialismus mit kulturellen Mitteln bedeute (z.B. wird in Chun-Sik Kims „Deutscher Kulturimperialismus in China“ erst im letzten Satz des Buches unvermittelt „die koloniale Bildungs- und Kulturpolitik Deutschlands in Kiautschou als ‚Imperialismus mit Mitteln der Pädagogik’, also Kulturimperialismus“ bezeichnet; Ursula Drathschmidts „Portugiesischer Kulturimperialismus in Angola“ verzichtet gleich ganz auf jegliche Begriffsbestimmung) oder als ob er sich b) auf den globalen Export von US-Konsumgütern wie Cola, Jeans, Hamburgers, Pop, Rock und Hollywoodkino beschränken ließe. Herbert Schiller, der die US-fixierte Linie insofern begründet hat, als er seine umfassenden und akribischen Studien (v.a. zu nennen: „Communication and Cultural Domination“ 1976) anhand US-amerikanischer Exempel sozusagen ‚from deep inside the American Empire’ durchgeführt hat, kann allerdings redlicherweise nicht für die konzeptionelle Engführung des Begriffs auf eine eher tagesjournalistische Plattitüde und dessen noch weniger reflektiertes Echo ‚Anti-Amerikanismus’ verantwortlich gemacht werden. Immerhin wurde von hier aus Kulturimperialismus auch in seiner Binnenwirkung als „brainwashing in the free world“ wahrgenommen (so im Untertitel einer ungewöhnlichen Arbeit Jürgen Webers namens „Der US-amerikanische Kulturimperialismus und die schwarze Bürgerrechtsbewegung“).

    In jüngster Zeit erfahren ‚Imperialismus’ und auch ‚Kulturimperialismus’ wieder sowohl erhöhte Aufmerksamkeit als auch fundierte Auffrischungen oder schlüssige Neuaufnahmen. Gerade in der internationalen wissenschaftlichen Diskussion sind ‚postkoloniale’ Beiträge mit einer die etablierte abendländische Definitionsmacht grundsätzlich angreifenden Ausrichtung gängige Münze geworden, seit etwa Edward Saids „Orientalism“ oder Ranajit Guhas „Subaltern Studies“ vor einem Vierteljahrhundert mit der Dekonstruktion kolonialherrschaftlich bestimmter Fremdwahrnehmungsmuster begonnen hatten. Der westliche Diskurs über den Orient (also die Gesamtheit der literarischen, wissenschaftlichen, populären, journalistischen und sonstigen Äußerungen hierzu) oder die anhaltende kolonialhistoriografische Prägung des Geschichts- (und Gegenwarts-) bildes über die ‚Dritte Welt’ noch weit nach deren Dekolonisation können als Kulturimperialismus begriffen und untersucht werden. In „Culture and Imperialism“ geht Said der historischen Verbindung europäischer Kultur mit erfolgreichem Imperialismus und der Frage nach, „wie es kam, daß der imperialistische Europäer nicht wahrhaben konnte oder wollte, daß er oder sie Imperialist war, und wie es ironischerweise dazu kam, daß der Nicht-Europäer den Europäer unter denselben Umständen nur als imperialistisch sah“. An breitgestreuten Beispielen aus der Schönen Literatur macht er die zutiefst imperialistische Konstitution europäischer Kultur klar, die auch dann, „als sie die imperialen ‚Täuschungen und Entdeckungen’ schließlich angemessen zur Kenntnis nahm[...], sie das nicht oppositionell, sondern ironisch und mit dem verzweifelten Versuch einer neuen Inklusivität tat.“ Gerade auch aus Indien, der kolonialen Legitimationsfabrik und Wiege des modernen Gelehrten-Orientalismus, kommen viele der innovativsten kulturwissenschaftlichen Impulse der neueren Zeit, insbesondere mit den ‚Subaltern Studies’, die die nachkoloniale Elite-Historiografie mit ihren übernommenen eurozentrischen Prämissen als ‚indische’ Nacherzählung kolonialer Modernisierungslegenden herausgearbeitet haben. Mohandas Gandhi, Gayatri Spivak oder Arundhati Roy haben hierzu weitere prominente Beiträge geleistet. Schließlich kann auch der aktuelle Neo-Liberalismus mit Herbert Schui unter wissenschafts- und ideologiekritischem Aspekt analysiert werden als „the New Social Science of Cultural Imperialism“, dessen methodologischer Individualismus alle Erkenntniskapazitäten bisheriger Sozialwissenschaft in die Beliebigkeit ökonomischer Rationalität auflöst, die individuelle Internalisierung ihrer Zwänge zur Grundlage einer reformierten Sozial- und Weltordnung macht und seinem angestrebten globalen ökonomischen Imperialismus die passende kulturelle Leitfigur des neo-liberalen ‚Homo Oeconomicus’ beistellt.

    Vom postkolonialen wie vom politisch-ökonomischen Ende her kommt also ein Kulturimperialismus in den Blick, der nicht einfach nur unterlegene Kulturen erobert und auflöst, indem er westliche oder US-amerikanische oder imperiale Werte mittels kultureller Kampagnen durchsetzt. Vielmehr geht es auch wieder um einen komplexen, mehrseitigen, vielschichtigen und hochdifferenzierten Prozess, dessen Ziel die Sicherung der ‚Ideen der herrschenden Klasse’ als universal herrschende Ideen durch machtvolle Legitimierung und Verinnerlichung seitens der eigentlich Beherrschten ist, wie Karl Marx den Mechanismus noch in seiner „Deutschen Ideologie“ treffend dargelegt hat. Die militärischen, politischen, ökonomischen, kommunikationellen und kulturellen Unterdrückungen, Ausbeutungen und Zerstörungen werden mit einer Zivilisierungsmission verklärt, die die eigene Gewalttätigkeit legitimatorisch verhüllt und die eigene Kultur zum Universalmaßstab erhebt, indem sie in der herabgewürdigten ‚anderen’ Kultur als Vorbild eingeführt wird. So ist die Strukturanpassungspolitik des Internationalen Währungsfonds ein aktuelles und erhellendes Beispiel für den kulturimperialistischen Zusammenhang. Abwertung der einheimischen Währung, öffentliche Ausgabenbegrenzung, Privatisierung, Liberalisieung und Entgrenzung des Kapital- und Warenverkehrs, Lohnstopps, Preisfreigaben, Patent- und Lizenzrestriktionen u. dgl. setzen der Selbstbestimmung im betroffenen ‚Entwicklungs’-Land nicht nur wirtschaftlich oder politisch ein Ende, sondern zerstören auch soziokulturelle Strukturen und Kapazitäten von Autonomie, wie sie etwa in subsistenzwirtschaftlich bedingter Unabhängigkeit vom Weltmarkt, in lokaler Selbstorganisation, Nachbarschafts- und Gemeindehilfe, erschwinglichen Medikamentkopien oder der Freiheit selbstgezogenen Saatguts zum Ausdruck kommen. Stattdessen entsteht eine Kultur nachholender Kapitalisierung mit einer Grundpsychologie von Abhängigkeit und Unterentwickeltheit, die nur durch ausverkaufendes Nachahmen überwindbar erscheint - tatsächlich den Abstand zum Zentrum im gesetzten Rahmen aber nie aufholen kann und auch nicht soll.

    In seiner modernen, um Rückkopplungs- und Selbstbestätigungsprobleme erweiterten Form hat Kulturimperialismus als analytischer Ansatz ebenso wie als emanzipatorische Kritik in jüngster Zeit international erheblich an Interesse und Kredit gewonnen, weil er plumpen Anti-Amerikanismus oder völkisches Ressentiment ebenso ausschließt wie ökonomischen oder eurozentrischen Reduktionismus. Auf einer wegweisenden, von Bernd Hamm organisierten Wissenschaftskonferenz im Oktober 2002 in Trier wurde Kulturimperialismus auch in diesem Sinn eingeführt als „certainly, historically, not an American invention“, sondern als imperialistische Abrichtung vielfältigster Kulturen auf eine zwar ihrerseits nicht monolithische Weltleitkultur, die allerdings einen gemeinsamen Level haben, von dem aus die Peripherie zur zivilisatorischen Aufholung gemahnt und gleichzeitig faktisch auf Abstand gehalten wird. Von diesem letztgenannten Standpunkt aus wird Kulturimperialismus durchaus auch offensiv und affirmativ als weltpolitisches Programm und globales Zukunftsmodell vertreten, z.B. von David Rothkopfs „In Praise of Cultural Imperialism“ oder Zbigniew Brzezinskis „The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives“, wobei deren Perspektive freilich „American values“ als Kulturexportgut fokussiert, die allerdings in historischer Sicht neben z.B. britischer oder französischer Zivilisierungsmission, dem deutschen Wesen zum Weltgenesen oder auch dem aktuell vom Papst reanimerten altgriechischen Hellenismus unter ‚Greater Europe’ subsummiert werden können. So bleibt T.B.Macaulays berühmte „Minute on Education“ von 1835 („to form a class who may be interpreters between us and the millions whom we govern - [...]Indian in blood and colour, but English in tastes, in opinions, in morals and in intellect“) über seinen britsich-indischen Kolonialkontext hinaus ein kulturimperialistischer Evergreen, dessen autoritäre Zivilisierungsprämisse auch vom zeitgenössischen Marx und einem bestimmten Marxismusverständnis bis heute geteilt wurde bzw. wird.

    Kulturimperialismus heute bedeutet insofern auch eine für ‚Greater Europe’ unbequeme Wiederkehr ungelöster Fragen und Forderungen wie die der kolonialen Situation (Balandier), der kulturellen Hegemonie (Gramsci), einer konsequenteren Diskursanalyse (wie das jüngst Michael Mann mit einem anderen Grundbegriff Foucaults, nämlich dem Dispositiv angestellt hat, indem er ihn als Gewaltdispositiv für eine Analyse kolonialherrschaftlicher Deformation fruchtbar machte) oder des ungesühnten „unblutigen Völkermords“ (die eine aktualisierte Gestalt im Konzept des Ökologischen Imperialismus angenommen hat, welches die vernichtenden Auswirkungen von Seuchen, Hungersnöten oder ‚Natur’-Katastrophen mit vorgängigen biologischen Importen und soziokulturellen Verwerfungen zusammendenkt). Kulturimperialismus bedeutet zugleich auch eine umfassendere Zumutung für die Individuen der Leitkultur als es etwa der Verweis auf militärische, politische oder wissenschaftliche Akteure täte. Durch eine ebenso kritische wie kreative Fragestellung gelingt es hier beispielsweise Birthe Kundrus in einer historischen Fallstudie, exemplarisch am weiblichen Kulturimperialismus in der Kolonialbewegung des deutschen Kaiserreichs nachzuzeichnen, wie zentral dort „die ‚Kulturarbeit der Frau’ für die Erhaltung des Deutschtums“ positioniert war und wie relativ unschwierig imperialer Feminismus sich mit Nationalismus und Rassismus zu einer mehrheitsgesellschaftlich anerkennungsfähigen völkischen Partizipationsstrategie verband. 

    Solche kulturimperialistischen Muster, in denen bestimmte Führungsgruppen (hier: weiße Bildungsbürgerinnen) sich und ihre Vorstellungen zum Maßstab für alle erklären, sind in der internationalen Frauenbewegung mehrfach zurückgewiesen worden: z.B. von proletarischen Frauen vor dem 2.Weltkrieg, von nicht-weißen danach. Sie sind gleichwohl feste Prämissen im Denken und Wahrnehmen westlich sozialisierter Individuen und kehren daher beständig wieder: etwa im derzeitigen anti-muslimischen Diskurs, der vordergründig um doppelte Staatsbürgerschaft, Kopftuchverbot, Türkeibeitritt, Zwangsehe und Islambilder kreist und dabei die Inferiosierung der ‚Anderen’ erst betreibt, um sich selbst zu erhöhen und von dort kontrollierend und ‚zivilisierend’ eingreifen zu können.
    Wahrscheinlich liegt auch genau auf diesem ‚kulturellen’ Feld die derzeit verheißungsvollste Möglichkeit, eurozentrische Verkrustungen zu entzerren, die kulturimperialistischen Funktionsweisen zu erhellen und den inneren Zusammenhang von Zivilisation und Gewalt zu thematisieren. Nach Dipesh Chakraborty geht es um ein historiografisches Projekt gegen das anmaßende Dekret, „daß Europa im historischen Wissen als stillschweigender Maßstab fungiert“ und indische, kenianische, chinesische oder andere subalterne Geschichten in minderwertige Variationen dieser einen Meistererzählung verwandelt. „Europa provinzialisieren“ heißt hier, „ein hyperreales Europa aus dem Zentrum der historischen Einbildungskraft zu verdrängen, [...] unermüdlich den Finger auf diesen Zusammenhang zwischen Gewalt und [zivilisatorischem] Idealismus legen[...], sich mit Ideen auseinanderzusetzen, die den modernen Staat [...]legitimieren, um so diejenigen Kategorien, deren globale Gültigkeit nicht mehr für selbstverständlich genommen werden kann, erneut zum Gegenstand der politischen Philosophie zu machen - genau wie man auf einem indischen Basar verdächtige Münzen ihren Besitzern zurückgibt.“

    Kulturimperialismus begreifen bedeutet also auch, historisch und kritisch an die dominanten Erklärungsmuster, Weltsichten und Fremdwahrnehmungen heranzugehen, um für deren Eurozentrik, herrschaftstechnische Eingebundenheit, Legitimationsfunktion und Verzerrungsmechanismen als ideologisches Fundament weißer Superiorität in der Welt sensibel zu werden. Er ist als real existierende Form struktureller Gewalt faktisch nicht zu leugnen und allenfalls mit der Modernisierungsrhetorik der imperialen Zivilisierungsmission vom Machtstandpunkt der Leitkultur aus zu relativieren. Deren politisch-philosophische Rechtfertigungsideen haben auf dem globalen wissenschaftlichen und intellektuellen Parkett aktuell allerdings erheblich an inhaltlichem Kredit verloren, weil die organische Verbundenheit ihres zivilisatorischen Idealismus mit Gewalt, Elend und Ausbeutung und die Dichotomisierung des ‚Wir’ gegen ‚die Anderen’ als Basis jener Moral von Double Standards, die letzteren bis heute Gleichwertigkeit und die formal damit verbundenen Rechte essenziell abspricht, gerade auch durch ‚Kulturimperialismus’ als Forschungsansatz deutlich aufgezeigt wurde und weiter aufgezeigt wird.

    Zusatz: Ein anschauliches Beispiel konkreter Anwendung findet sich mit Mohandas K. Gandhis zentraler Programmschrift „Hind Swaraj“ 1909, die als radikaler Gegenentwurf zum westlichen Kulturimperialismus, hier noch ‚moderne Zivilisation’ genannt, konzipiert ist. Den archimedischen Punkt in Gandhis Programm bildet die titelgebende ‚Indische Autonomie’. Von hier aus werden der politische Unabhängigkeitskampf des Indian National Congress, die englische Vormachtstellung und v.a. Ursachen und Auswirkungen der indischen Misere insgesamt untersucht. Die Leitfragen lauten „Warum ging Indien verloren?“ und „Wie kann es sich wieder befreien?“ - und die Antworten sind gleichermaßen politisch, sozial und individuell dimensioniert. Die Deformation Indiens, seiner Verfassung, seiner Gesellschaft und seiner Menschen ist direkte Folge einer nicht ausreichend zurückgewiesenen europäischen ‚Zivilisierung’. Das Problem lässt sich nur durch -übrigens zeitgemäße- Rückbesinnungen auf eigene Stärken und Wahrheiten und in dieser Perspektive antikoloniale Unbeugsamkeit (d.i. Satyagraha) überwinden. Die radikale Ablehnung führt so auch zu alternativen Produktions- (Spinnrad, Handweberei, Agrar-Orientierung), Lebens- (Überschaubarkeit, Einfachheit, Entschleunigung) und Strategievorstellungen (nämlich Ahimsa als Entscheidung für Gewaltfreiheit in alter Jain-Tradition, worin sich die rigorose Fundamentalopposition auch als alternative Kampfform ausdrückt). 
    Die in der hiesigen Rezeption beliebten Gandhi-Abbildungen mit ihren religiösen, spirituellen, pazifistischen oder philosophischen Optiken bekommen den historisch wirksamen Unabhängigkeitskämpfer als kompromisslosen Gegner des westlichen Kulturimperialismus nicht angemessen in den Blick und produzieren so nicht selten ein im Sinne Saids ‚orientalistisches’ Zerrbild, welches konsequenterweise Mohandas K. Gandhi, den Autor von „Hind Swaraj“ und konkreten Visionär indischer Autonomie, zu einer ‚großen Seele’ Mahatma Gandhi entweltichen. Damit wird auch ein Begreifen der aktuellen Konjunktur eines öko-radikalen sozialemanzipatorischen Neo-Gandhianismus in ‚subalternen’ Widerstandsbewegungen der indischen Gegenwart behindert. Eine interessante Analyse zu ebendieser problematischen Rezeptionsgeschichte hat 1990 z.B. Stephen Murphy in Band 12-3 der Gandhi Marg geliefert.

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