Orientalismus, Eurozentrismus, Rassismus: Begriffskunde und Literaturhinweise

Ja was denn? die Indianer massakriert, die islamische Welt um sich selbst gebracht, die chinesische Welt geschändet und entstellt, die Welt der Schwarzen disqualifiziert ... und Sie glauben, für all das müsse nicht bezahlt werden?(Césaire) Aimé Césaire

Jürgen Krämer || direkt zum  Orientalism.BookStore --> this way per Klick auf den Pfeil kommentar
Eine kleine Begriffskunde
 
"Keine Ahnung, aber Meinung", die ontologische Maxime des Chauvinisten, hat schon Tucholsky als urdeutsche Untugend identifiziert. Umso wichtiger ist es hier auch heute noch, zu klären, wovon bei "Orientalismus" überhaupt die Rede ist. Ideologiekritik, Klarheit über die eigenen Erkenntnisvoraussetzungen und (selbst-)kritische Reflektion vorhandener Denkmuster gehören von Anfang an zum geschichtswissenschaftlichen Handwerkszeug. Wer sich mit außereuropäischer Geschichte oder "Kolonial-"Geschichte befasst, ohne z.B. Eurozentrismus, Orientalismus oder die koloniale Situation als Problem auch nur zur Kenntnis genommen zu haben, hat m.E. sein Handwerkszeug nicht beisammen. Wer sich dennoch im akademischen Habitus dazu äußert, verdient damit nicht Gehör und noch weniger Nachsicht, sondern selbstverständlich einen kernigen Einspruch auf adäquatem Niveau. Der rassistische Stammtisch wäre da ein näherliegendes Podium.

Orientalismus
 
Es gilt zur Vermeidung von Mißverständnissen verschiedene Bedeutungsebenen auseinanderzuhalten. Kopf z.B. kapriziert seinen Orientalismus-Begriff auf die Orientforscher und -gelehrten des späten 18.Jahrhunderts im kolonialen Indien(1), wohingegen Said ihn viel weiter fasst, nämlich als Gesamtheit des westlichen Diskurs´ über den imaginären Orient, der sich aus allen relevanten Äußerungsformen zusammensetzt(2). Er beinhaltet somit weit mehr als Kopfs historisch eingehegte Kulturkundler oder auch Luddens kolonial-herrschaftstechnisch erweiterter `body of knowledge´(3), nämlich ebenso populäre und fiktionale Beschreibungen, die primär ein Bild des Anderen als Differenz zur Selbstverständigung des Eigenen konstruieren. Unter den gegebenen Bedingungen ist Orientalismus bei Said ein gesamt-okzidentaler Herrschaftsdiskurs, dessen einzelne Elemente als Orientalismen (analog zu etwa Euphemismen, Lorianismen, Neologismen o.ä.) bezeichnet werden könnten. `Die Allmacht des Despoten´, `das indische Kastenwesen´ oder `the muslim fury´ wäre jeweils Orientalismus in diesem Sinn(4) und konkret koloniales Macht- und Legitimationsmittel. 
Kopfs Begriff wurde genau aus der Abwehr gegen Saids Orientalism errichtet, der ihm vorkommt wie Nehrus Discovery of India, Chaudhuris Unknown Indian, de Beauvoirs Second Sex und Eldridge Cleavers Soul On Ice (sh. Kopf, Hermeneutics versus History, in: JOAS XXXIX, Nr.3, May 1980, hier S.495), womit er ihn als Befreiungsschlag einer rebellischen `Handmaid´Detailsgegen die westliche Herrschaft gerade bestätigt. Seine Verteidigung der -im Gegensatz zu ihren imperialistischen Nachfolgern des 19.Jahrhunderts- ungerechterweise angegangenen `Orientalisten´ ist der Anlage nach ein klarer `Neo-Orientalismus´.

Eurozentrismus 

Ursprünglich wäre hier von europäischem Ethnozentrismus zu reden, wobei unter Europa stets "Greater Europe" zu verstehen ist, d.h. inclusive seiner antiken Erweiterung nach Südost (Nordafrika, Mesopotamien) bzw. seiner modernen nach Übersee (Besiedlungskolonien). Die geistig-produktive Sphäre dieser globalen Führungsgesellschaften mit den üblichen ethnografischen Mitteln zu untersuchen, macht die europäische Weltsicht kenntlich als qualitativ mehr als bloß eine weitere Spezies von Ethnozentrismus, nämlich das aus Expansion und Herrschaftsanspruch erwachsene "colonizer´s model of the world". J.M.Blaut hat dafür den Terminus "diffusionism" eingeführt, um diese Tendenz einer epizentrisch und elitär von Europa ausgehenden Menschheitsentwicklung (im Gegensatz zur multipolaren Evolution der "independent inventionists") zu benennen. Charakteristisch ist auch hier die Veräußerung von Irrationalität, Passivität, Stagnation usw. ans nichteuropäische "Outside". Sh. ausführlich: Ders. The Colonizer´s Model of the World. New York 1993, S.1-49; Grundlegend hat sich dem "projet d´une critique de l´eurocentrisme" Samir Amin gewidmet: L´eurocentrisme, critique d´une idéologie. Paris 1988. Er untersucht Eurozentrismus als einen weit mehr als nur banal ethnozentrischen Kulturalismus, nämlich als "une reconstruction mythologique récente de l´histoire de l´Éurope et du monde" im Kontext legitimatorischer "construction idéologiques d´ensemble du capitalisme", die bei aller Selbstpräsentation als menschlicher Universalismus wesentlich "anti-universaliste" und herrschaftssichernd motiviert ist. (S.7f);
Konsequenterweise wäre an dieser Stelle zu fragen, ob nicht ausschließlich Literatur "jenseits des Eurozentrismus" im Zusammenhang des Themas als Forschungsliteratur zu qualifizieren sei. In Anführung hier der Titel eines Sammelbandes von Conrad & Randeria, Frankfurt 2002, der erstmals eine etwas breitere Rezeption international längst anerkannter repräsentationskritischer Ansätze auch in Deutschland dokumentiert. Im Rahmen des Berliner Forschungsprojekts AGORA kam es hier zum Millenium-Ereignis: "Nach dem Ende des Staatssozialismus wurden Strukturprobleme moderner Industriegesellschaften, die lange Zeit durch die Konkurrenz der politischen Systeme verdeckt wurden, deutlich sichtbar." Daß "alle Geschichte nur Beziehungsgeschichte darstellt, wie Edward Said es in seiner Kritik des Orientalismus schon früh behauptet hatte" (Wolf Lepenies im Vorwort, S.7f), kommt demnach inzwischen -bei aller im Zitat exemplarisch aufscheinenden Verkorkstheit- immerhin auch spürbarer in Deutschland an. Allerdings ist anzumerken, daß die deutschen Beiträge zum besagten Sammelband nur eben ein Sechstel stellen, der maßgebliche Teil davon aus den Sozialwissenschaften. Für die HistorikerInnen speziell ist zusätzlich anzuführen, daß auch 2002 in einem sicher nicht altbackenen Verlag (Vandenhoeck & Ruprecht) noch ein "Kompaß der Geschichtswissenschaft" erscheint, der der "Orientierung in einer internationalen Forschungslandschaft" mit zunehmender "Tendenz zur Globalisierung" dienen soll - und einen Said, Guha, Cohn, Wink, Fanon noch nicht einmal im Register führt, ebensowenig wie z.B. Osterhammel oder Albertini (Eibach & Lottes. Kompaß der Geschichtswissenschaften. Göttingen 2002, S.7). Symptomatischerweise schließt der Band mit G.Motzkins Verkündigung vom "Ende der Meistererzählungen", ohne die Frage nach der Meistererzählung der Geschichte, nämlich der eurozentrischen, auch nur angerissen zu haben - und belegt so die oftmals weiterhin ungebrochene Herrschaft dieses historiografischen Paradigmas (ebd., S.371-381). Vgl. dazu auch Dipesh Chakrabartys Projekt "Europa provinzialisieren", ursprünglich: Postcoloniality and the Artifice of History, in: Representations 37 (winter 1992), S.1-26 sowie weitere eigene Ausführungen in diesem Zusammenhang;
Die scharfe Orientalismus-Kritik der späten 1970er Jahre, die Entdeckung der Subalternen in Indien und England, kolonial gewissermaßen befreite Erkenntnisse und Interpretationen bislang verfehlten Materials (wie es z.B. im state formation-Rahmen von B.Stein, im fitna-Modell von A.Wink oder im sozio-ökonomischen Datenwolf von C.A.Bayly fruchtbar gemacht wurde) - all das hat die historiografische Hegemonie der benevolenten Kolonialherren und Empires doch erschüttert und oftmals zu innovativen Rettungsversuchen veranlasst, wo die alten Formen nicht mehr haltbar waren. "Jenseits des Eurozentrismus" befinden wir uns aber noch lange nicht - und nach wie vor besteht die konservative Strategie dabei zentral im Gleichsetzen von Ideologiekritik, Repräsentationstheorie, Diskursanalyse und sonstigen modernen "obsession[s]" mit glatter "absence of historical knowledge, let alone context" - so z.B. Lenman, Bruce. Britain´s Colonial Wars. Harlow 2001, S.271, der es unternimmt, die Weltgeschichte endlich wieder mit Mars statt Marx zu erklären und sich daher etwa Wallersteins Arbeiten "much better dumped in historiography´s rubbish bin" wünscht.(S.3) Die Formel ist symptomatisch für das erbärmliche perzeptive und argumentative Niveau und die wohlangezogene Perfidie auf Seiten der alten Zöpfe.

Rassismus
 
Rassismus wird hier nicht eingeengt als ausgearbeitetes Programm, Theorie, `Wissenschaft´ oder Lehre verstanden, sondern als ein ideologischer Hintergrund dominanter Kulturen, der im normalen Diskurs als Erklärung und Rechtfertigung der eigenen Vorherrschaft seinen Ort hat. Als implizite Denk-Prämisse begleitet er dabei ebenso wie in ausformulierter Form eine persönliche und politische Praxis, die selbstverständlich die eigene Höherwertigkeit und Herrschaftsberechtigung voraussetzt und umgekehrt die nicht-eigene Kultur der Unterlegenen essentialistisch inferiorisiert. Der Natives´ Exclusion Act stellt dafür ebenso ein Beispiel wie Jones´ Handmaid-Spruch oder Ormes historiografische DenunziationDetails- womit exemplarisch administrative, gelehrte und propagandistische Aspekte des Rassismus demonstriert seien.
Rassismus ist demnach auch nicht auf eine vulgäre Form zu verkürzen, wie etwa Edward Longs richtungsweisende Schlussfolgerung "I do not think that an orangutang husband would be any dishonour to a Hottentot female" in seiner History of Jamaica II, 1774, S.364. Vielmehr würde die Engführung des Begriffs auf explizite Ideologien, brachiale Äußerungen oder auch extreme Exekutionen (z.B. als Genozid, Euthanasie, Apartheid, Sklaverei) geradezu vernebeln, daß der moderne Rassismus ein völlig normales Kind des 18.Jahrhunderts und der weißen Superiorität in der Welt ist, keineswegs nur von britischen Eltern und natürlich virulent bis heute. Mit Blick auf Deutschland dazu: Zantop, Susanne. Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland 1770-1870. Berlin 1999; eine beeindruckende Aktualisierung im 21.Jahrhundert wird dokumentiert durch: Roy, Arundhati. Die Einsamkeit von Noam Chomsky. http://de.indymedia.org/2003/09/60834.shtml, vor dem Hintergrund der US-Bombenangriffe gegen Afghanistan geschrieben von "eine[r], die eine Gook hätte sein können, und wer weiss, vielleicht eine sein wird" (`gooks´ ist ein Spottname für Menschen südostasiatischer Herkunft in den USA, insbsd. für die bombardierte Zivilbevölkerung während des Vietnamkriegs verbreitet);

Koloniale Situation
 
Der Begriff wurde 1952 von Georges Balandier als ein theoretischer Ansatz entwickelt, Kolonisatoren und Kolonisierte als Bestandteile eines pathologisch-deformativen Systems zu verstehen, ohne die innewohnende Ungleichheitsprämisse kulturbegegnerisch auszublenden. Ein "Charakterzug von Unechtheit", beruhend auf der "Heuchelei, die mit humanen Prinzipien eine einfache und saubere Ausbeutung rechtfertigte", gehörte auf der kolonisierenden Seite konstitutiv ebenso dazu wie die Selbstverständlichkeit von Zwangsmitteln, ein klares Helden- und Vorbildbewußtsein, latentes Herrenmenschentum und innere Geschlossenheit. Sh.: Ders., Koloniale Situation - ein theoretischer Ansatz, in: Albertini, S.105-124, hier S.109;

Eine unvollständige Liste weiterführender Literatur:
Alavi, Hamzi. Koloniale Transformation in Indien, Rückschritt vom Feudalismus zum Kapitalismus, in: Grevemeyer, S.158-208
[Albertini, Rudolf v. Moderne Kolonialgeschichte. Köln 1970]  / [Sammelband, hg. v.]
Amin, Samir. L´eurocentrisme, critique d´une idéologie. Paris 1988 
Balandier, Georges. Koloniale Situation - ein theoretischer Ansatz, in: Albertini, S.105-124 (orig.1952) 
Bitterli, Urs.
Die `Wilden´ und die `Zivilisierten´. München 21991 (orig.1976) 
kommentar
Blaut, J.M. The Colonizer´s Model of the World. New York 1993 kommentar
[Breckenridge, Carol A. Orientalism and the Postcolonial Predicament, Philadelphia 1993]
Chakrabarty, Dipesh. Europa provinzialisieren, Postkolonialität und die Kritik der Geschichte, in: Conrad, S.283-312 kommentar
Cohn, Bernard S. Representing Authority in Victorian India, in: Hobsbawm, S.165-210 
Cohn, Bernard S. An Anthropologist among the Historians and other Essays. Oxford 1970
[Conrad, Sebastian & Randeria Shalini. Jenseits des Eurozentrismus, Frankfurt 2002] 
Curtin, Philip D. The Image of Africa, British Ideas and Action 1780-1850. Madison 1964 kommentar
Dirks, Nicholas B. Colonial Histories and Native Informants, Biography of an Archive, in: Breckenridge, S.279-313
Embree, Ainslee T. Imagining India, Essays an Indian History. Delhi 1989
Fisch, Jörg. Der märchenhafte Orient, in: SAEC 35 (1984), S.246-266
[Grevemeyer, Jan-Heeren. Traditionale Gesellschaften und europäischer Kolonialismus. Frankfurt 1981]
Guha, Ranajit. Dominance without Hegemony, History and Power in Colonial India. Cambridge/Mass. 1987
Hippler, Jochen & Lueg, Andrea. Feindbild Islam. Hamburg 1993
[Hobsbawm, Eric & Ranger, Terence. Invention of Tradition. Cambridge 2000 (repr., orig. 1983)]
Hörner, Karin & Klemm, Verena. Das Schwert des `Experten´. Peter Scholl-Latours verzerrtes Araber- und Islambild. Heidelberg 1993 
Inden, Ronald. Orientalist Constructions of India, in: MAS 20, 3 (1986), S.401-446
Jones, William. The Works III. Delhi 1977 (repr., orig. London 1799)
kommentar
Kopf, David. Hermeneutics versus History, in: JOAS XXXIX, Nr.3, May 1980, S.495-506
kommentar
Ludden, David. Orientalist Empiricism, Transformations of Colonial Knowledge, in: Breckenridge, S.250-278 
Osterhammel, Jürgen. Die Entzauberung Asiens. München 1989 
Rodinson, Maxime. Die Faszination des Islam. München 21991 (orig. Paris 1980) 
Rotter, Gernot. Allahs Plagiator, die publizistischen Raubzuege des `Nahostexperten´ Gerhard Konzelmann. Heidelberg 1992 
Rösel, Jakob. Die Hinduismusthese Max Webers, Folgen eines kolonialen Indienbildes in einem religionssoziologischen Gedankengang. München 1982
Roy, Arundhati. Die Einsamkeit von Noam Chomsky, in: ZMAG 01.09.2003 (http://zmag.de/artikel/Die-Einsamkeit-von-Noam-Chomsky) kommentar
Said, Edward. Orientalism, Western Conceptions of the Orient. London 1995 (orig.1978) kommentar
Schulze, Reinhard. Das Islamische 18.Jahrhundert, in: WDI 30 (1990), S.140-159 
Schnepel, Burkhard. Die Dschungelkönige, ethnohistorische Aspekte von Politik und Ritual in Südorissa/Indien. Stuttgart 1997
Zantop, Susanne. Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland, 1770-1870. Berlin 1999 kommentar
Zeitschriftenkürzel: ARG, Das Argument / JOAS, Journal of the American Oriental Society / MAS, Modern Asian Studies / SAEC, Saeculum / WDI, Welt des Islams / ZMAG, Online-Version von Z-Magazine


Kommentierte Literaturliste
 
Das Literaturverzeichnis soll laufend mit Titeln und Kommentaren weiterversorgt werden.
Die entsprechenden Pflegearbeiten sind aber leider nur unregelmäßig zu bewerkstelligen. Folgende Direktbestellmöglichkeiten deutschsprachiger Titel seien noch angegeben:
Orientalismus  Postkoloniale Theorie  Jenseits des Eurozentrismus  Deutsche Kolonialphantasien
außerdem etwa: Feindbild Islam  Kopftuch-Hetze  Islam-Experten  Pax Britannica in Indien?  
Neue Geschichte Indiens
  Moderne-Diskurs Indiens
GANZ NEU: Aktueller Sammelband zu Orient- u. Islambild in Deutschland
Für ein schon vorsortiertes Weiterstöbern nach Literatur zum Thema (und darüberhinaus) bietet sich  mein kleiner Orientalism.BookStore an. Und wer sich mittels eines ebenso bösen wie spannenden Frauenkrimis aus der Ariadne-Reihe den Themenblock Patriarchat/Religion/Fundamentalismus erschließen will, klickt hier auf Allmachtsdackel, den Neuen von Christine Lehmann.