Pax Britannica in Indien: Legende und Wirklichkeit kolonialer Penetration 
Jürgen Krämer / Hagen 2004 / zurück, drucken und download mit Browser-Button bzw. Fensterwechsel! 

Einleitung

I.

Auf der Suche nach Legende und Wirklichkeit der Pax Britannica in Indien taucht zuallererst das Problem auf, daß es eine systematische Untersuchung zum Begriff der Pax Britannica unter globalhistorischen Gesichtspunkten nicht gibt. Allenfalls wird seine Manifestation im außenpolitischen Betrieb Großbritanniens seit 1815 –unter verschiedensten Blickwinkeln und mit einer Fülle von Publikationen– mehr oder minder gründlich erfaßt. Der Begriff selbst wird dabei meist mit einer Selbstverständlichkeit verwendet, als ob er gleichermaßen geklärt wäre wie jener der Pax Romana. Durch kurz entschlossene Analogisierung wird des letzteren epistemologisches Fundament –und oft durchaus mißverständliches Konnotat– mitgeschleift, so daß auch der Begriff der Pax Britannica als längst erforscht und definiert erschient – ein Nimbus, den er mit Chimären wie der Pax Tatarica, Pax Americana oder neuerdings der Pax Democratica teilt.1 In dieser unkritischen, theoretisch nicht reflektierten Form ist Pax Britannica gängige Münze auch in der historischen Zunft geworden und so wird der Begriff auch in Deutschland von Koryphäen der modernen Englandhistoriografie verwendet. Selbstverständlich kann hier eine theoretische Aufarbeitung des begriffskritischen Defizits nicht geleistet werden, ebensowenig wäre es das Thema der vorliegenden Arbeit. Allerdings muß dieses Problem zunächst schon auch ausführlicher erörtert werden, genauso wie ein zweites:

         In der Anwendung eines der britischen Außenpolitik des 19.Jahrhunderts entstammenden Phänomens, nämlich einer ganz bestimmten britischen Form von „Friedensordnung“ im Konzert der selbstredend weißen Konkurrenzstaaten, auf Indien müssen sich die Probleme gleichsam strukturlogisch verdoppeln – und so haben wir die unterschiedlichsten Bestimmungen des Beginns einer Pax Britannica in Indien, die ihrem Gehalt nach paradoxerweise aus heutiger Sicht dort teilweise schon vor ihrer Verkündigung etwa durch Castlereaghs Zirkulardepesche an alle britischen Auslandsvertretungen 1816 gegeben schien2.

         Solchen Ungereimtheiten ist nur zu entgehen, wenn Pax Britannica von vornherein nicht als Umschreibung eines konkreten historischen Zustands begriffen wird, sondern als ideologisches Konstrukt zum Zweck der Rechtfertigung britischer Vorherrschaft in der Welt. Demnach endet der einleitende begriffsklärende Abschnitt mit der Begründung eines ideologiekritischen Ansatzes inclusive der entschiedenen Absicht, dennoch nicht in eine bloße Ideengeschichte abzurutschen. Die Wirklichkeit kolonialer Penetration (oder sonst eines historischen Vorgangs) spielte sich selbstverständlich auf der materiellen Ebene ab. Das Bild davon aber wurde politisch-philosophisch, ideologisch, imaginativ als Fiktion verhandelt. So wie „empire was a matter of attitudes, legends, theories and institutions”3, so ist auch Pax Britannica zunächst als Idee, als Legende anzusprechen. Sie hat gleichwohl, als legitimatorischer Ausdruck eines realen Herrschaftsverhältnisses, eine klare materielle Verknüpfung – und genau in diesem Zwischenbereich ist das Thema angesiedelt.

         Die Rückkopplung des Pax-Britannica-Ideologems an eine seiner britisch-außenpolitischen Genese externen Materialbasis –nämlich der historischen Realität kolonialer Penetration in Indien– bringt zuerst die Notwendigkeit mit sich, die Grundlage, von der aus das Ideologem zum Zweck der Herrschaftslegitimation abstrahiert wird, zu untersuchen. Daher muß sich der nächste Schritt der vorgefundenen Tatsache des Mogulreichs im 17. und frühen 18.Jahrhundert stellen: als dem materialen Ausgangspunkt vor Ort, von dem aus die ideologische Konstruktion der Pax Britannica in und für Indien inhaltlich startet. Im Spiegel der historiografischen Entwicklung und ihrer konkreten Resultate wird dabei die Wahrnehmung der präkolonialen Realität Indiens –ein oft blutiges Chaos aus degenerierten Orientaldespoten, korrupten Beamten, brutalen Grundherren und barbarischen Warlords– kenntlich als herrschaftslegitimierende Bilderproduktion. Die kritische Frage schließt sich an, ob ein Erkennen dieses Zusammenhangs heute bereits die Unmöglichkeit weiterer Verwendung der Kategorie „Orientalische Despotie“ bedeutet oder bei der Korrektur nur mancher Punkte innerhalb dieses Rahmens stehenbleibt. Am Beispiel der nachfolgenden sog. „Kriegerstaaten“ wird gezeigt, daß Totgesagte oftmals länger leben und manchmal auch in neuen, gestärkten Kleidern wiederkehren.

         Darüberhinaus liegen im Thema selbst bereits erste Einschränkungen: Da wir es primär mit Herrschaftsgeschichte zu tun haben, bleibt der subalterne Anteil4 zunächst ebenso außen vor wie im weiteren „Indisch-Indien“5. Ein gewisser Schwerpunkt auf dem nördlichen Indien und im zweiten Teil auf Bengalen ist v.a. dem Verlauf der kolonialen Penetration (und dessen Erforschtheit) selbst geschuldet. „One can assert with a fair degree of certainty”, heißt es bei A.T.Embree, „that between the middle of the eighteenth century and up to the 1850s, the image of India was largely drawn from Bengal society.”6 Die Untersuchung fokussiert im weiteren Fortgang zunehmend den Zeitraum 1757/65 bis 1805/20. Im Groben läßt sich vorweg sagen, daß in der `Ära des Orientalismus´ die vorentscheidenden Weichenstellungen der indischen Transformationen vorgenommen wurden – und nicht erst mit den Anglizisten im Oberwasser, etwa Bentinck und Macaulay seit den 1830er Jahren.7 Die Vorverlegung der `crucial period´ ins späte 18. und frühe 19.Jahrhundert ist bei ansonsten unterschiedlichsten AutorInnen und unter sehr verschiedenen Aspekten `state of the art´ in der Forschung.

II.

Nachdem auf begriffskritischem und historiografischem Weg grundlegenden Voraussetzungen der „Errichtung einer Pax Britannica in Indien“ die beanspruchte objektive Gültigkeit schon bestritten wurde, soll ein Blick aus der britisch-indischen Perspektive die weitere Entwicklung des kolonialen Penetrationsprozesses durch die East India Company (EIC) bis zu deren Subordination unter die imperiale Staatsräson Londons gegen Ende des 18.Jahrhunderts verfolgen. Das Gewicht der Betrachtungen verlagert sich also vom Theoretischen ins Praktische, bleibt aber schwerpunktmäßig zunächst am indischen Schauplatz der Geschichte. Entlang der realhistorischen Sequenz „Finanzbedarf – territoriale Expansion – politisch-militärische Konsolidation – Einnahmensicherung und neuerliche Expansion“ wird hier die allmähliche Herausbildung einer immer komplexeren Legitimationsproduktion in ihrer ideologischen Konstruiertheit, ihrer tagespolitischen Abhängigkeit, ihrer verwickelten Dynamik und ihrer politischen Öffentlichkeit demonstriert. Am Beispiel des Hastings-Impeachments 1788-95 unter dem Gesichtspunkt seiner Inszenierung als Schauspiel der politischen Moral und öffentlicher Legitimation der EIC-Reformen läßt sich der imperiale Take-Over Londons in der Indienpolitik dann auch auf ideologischem Gebiet nachvollziehen.

         Die nationale Rezeption des Krieges gegen Tipu Sultan ist praktischer Ausdruck einer Umorientierungsphase imperialer Systematisierung, in deren Verlauf auch die ideologische Legitimation –aus allerdings schon vorhandenen Elementen– neu geordnet wurde. Wenngleich noch nicht dem Begriff und der endgültigen Ausgestaltung nach, so erweist sich die Legende von der Pax Britannica doch inhaltlich und funktionell als bereits in der 2.Hälfte des 18.Jahrhunderts gereiftes Muster, in der privatnabobistisches „Asiatick Government“8 mit Burkes „Good Government“ und Cornwallis´ Reformen in einer imperialen Staatsräson aufgehoben wurde. Als Herrschaftslegitimation grundsätzlich verknüpft mit realhistorischen Prozessen, wird somit auch Michael Manns Vorverlagerungs-These gestützt, wonach „die imperiale Expansion Englands auf die Mitte des 18.Jahrhunderts gelegt werden“9 kann.        

         In der Arbeit weiter voranschreitend ins 19.Jahrhundert, werden ökonomische und v.a. intellektuelle Aspekte stärker berücksichtigt; die Froschperspektive der alten EIC (sowohl vor Ort als auch in England) wird zunehmend imperialstrategisch ausgeweitet. Die geistige Aufrüstung in ihrer widerstreitenden Vielfalt von etwa Haileybury bis Ft.William-College, ideologische Offensiven in Parlament, Presse, Öffentlichkeit, Parteien und freilich die territoriale Expansion der Wellesley-Ära werden zusammengedacht – nicht mit dem Begriff des Freihandels-Imperialismus von Gallagher/Robinson, sondern dem der Parasitären Symbiose von Rothermund10. Insgesamt erscheint Pax Britannica in Indien so offensichtlich als koloniale Ausbeutungs- und Herrschaftslegitimation, daß gefragt werden muß, wieso und wodurch das Ideologem im Kontext binneneuropäischer Außenpolitik überhaupt derart breit –und im Rückblick begriffsbildend– zur Anwendung kommen konnte. Es wird sich zeigen, daß aus der indischen Pax-Britannica-Vorlage 2 Varianten hervorgehen: eine für die politische Öffentlichkeit der weißen Imperialkonkurrenz (und natürlich Großbritanniens selbst), die andere für den kolonialen Beherrschungs-Komplex.

         Letzterer bleibt auch weiterhin der konzeptionelle Fluchtpunkt, wenn anhand des Systems der „Indirect Rule“, der sog. `Mutiny´ und des Delhi-Durbar* von 1877 in einem Ausblick neuere herrschaftstechnische, legitimationsideologische und repräsentationstheoretische Aspekte der tatsächlichen Wirkungsweise von Pax Britannica im Indien des 19.Jahrhunderts erhellt werden.

III.

Die nunmehr bereits 3 Enden des Themas –mogul-indische Ausgangsbasis, EIC in Indien und London, britische Regierungspolitik– werden noch durch ein viertes ergänzt, nämlich die Pax Britannica in Indien aus der Perspektive der Untertanen. Gleichzeitig lassen sich dann von einer höheren historiografie- und repräsentationskritischen Warte aus die vielleicht verwirrenden und auch in sich gespaltenen Fäden zu einer Gesamtbewertung verknüpfen.

         Ausgehend von Pax Britannica als konkretem Herrschaftsinstrument in ideologischer Form erscheint das Ideologem jedenfalls als zu schwach beschrieben, wenn man nur etwa eine flache Verbrämung der globalen Hegemonie Großbritanniens benennen wollte. Vielmehr haben wir es mit einem wirkmächtigen imperialistischen Kampfbegriff zu tun, der sich im Ausblick noch bis in die Gegenwart des Jahres 2002 (gleichzeitig das zeitliche Limit der Literaturauswertung dieser Arbeit) aktualisieren läßt. Es war nicht verschämte Verbrämung, sondern unverschämt wesentliches Argument britischer Hegemonie, die offenkundige Gewalt auf einer zustimmungsfähigen Basis begründen zu können – und in der politischen Öffentlichkeit des Mutterlands selbst wurde sehr hart um diesen legitimatorischen Kredit gerungen.

         Einige sowohl grundsätzliche als auch verfahrenstechnische Vorbemerkungen sind unerläßlich: In der Beschaffenheit des Themas liegt begründet, daß englischsprachige Zitate, Wendungen und Fachwörter auch den laufenden Text belasten oder bereichern können. Ich finde zudem nichts dabei, ungekennzeichnete Anglizismen zu verwenden, wenn kein besonderer Hervorhebungs- oder Erläuterungsbedarf besteht (im Fall feststehender Termini etwa); für indische Begriffe gilt prinzipiell dasselbe, wobei auf das Umschrift-Problem (z.B. kennt die Literatur je bis zu vier Schreibweisen für Mir Kasim, den renegaten Nawab von Bengalen, der 1764 bei Baxar geschlagen wurde) nur kurz hingewiesen sei; wo nötig, werden klärende Anmerkungen direkt in Fußnoten oder angehängt im kurzen Glossar* angeboten. In der Natur der Fragestellung liegt desweiteren begründet, daß  –öfter als bei nicht ideologiekritischen Arbeiten– Begriffe zu konkretisieren und Einwände zu kommentieren sind. Um den Fluß der Argumentation nicht zu sehr zu strapazieren, werden diese Dinge tendenziell eher in den Fußnoten abgehandelt; außerdem gerät jede Forschungsliteratur, die zur Erzählung11 von der Pax Britannica beitrug und aktuell beiträgt, auch selbst als Historiografie und als Quelle ins Visier, wodurch sich 2 Kategorien von Quellen ergäben: zeitgenössische Überreste wie etwa J.Z.Holwells Bericht über das Black Hole 1757 zum einen und historiografische wie etwa R.Muirs Making of British India 1915 oder noch J.Furbers John Company at Work 1948 zum andern.12 In dem Maße wie klassische Sekundärliteratur somit zum Untersuchungsgegenstand mutieren kann, muß der übrige Forschungsstand sozusagen als Tertiärliteratur aufgefaßt werden. Die Erstnennung eines Titels ist im Fußnotenbereich jeweils fett hervorgehoben.

         Eine ganz grundlegende Schwierigkeit besteht schließlich darin, daß –allen guten oder vorgeblichen Vorsätzen zum Trotze, eurozentrischen13 Betrachtungsweisen nicht länger anhängen zu wollen– Pax Britannica in der allgemeinen und der akademischen Wahrnehmung überwiegend nicht als Bild, sondern als Fakt aufgefaßt wird – und als solcher noch dazu ein eurozentrisches Essential bildet. Ein Ansatz, der Pax Britannica dagegen zuvörderst als herrschaftslegitimierendes Ideologem anpackt, muß auf tiefverankerte Verständnisbarrieren treffen, benötigt daher erhöhte darstellerische Sorgfalt und bleibt trotzdem ein schweres Stück Lektüre. Andererseits erfordert gerade die angestrebte Auflösung des eurozentrischen Horizonts in eine globale historische Perspektive konstitutiv dessen kritische Revision als wenn auch `nur geistigen´, so doch organischen Bestandteil europäischer Expansion und Dominanz in der Welt. Zwar kann der Anspruch, die hergebrachte Geschichtsschreibung in eben diesem Sinne repräsentationskritisch aufzubrechen und als Element eines Herrschaftsdiskurses anzugehen, heute kaum ernsthaft abgewiesen werden14; ob er allerdings in der konkreten geschichtswissenschaflichen Praxis tatsächlich auch umgesetzt wird, steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls wird Pax Britannica in dieser Arbeit entsprechend vom Kopf auf die Füße zu stellen versucht, obgleich mehr neue Fragen als Antworten zu resultieren drohen.

         Ein ideologiekritischer Ansatz am Problem der Pax Britannica bedeutet freilich nicht gleich, sich vorwiegend politisch-ideengeschichtlich oder gar literarisch-philosophisch zu verausgaben. Diese und die politisch-diplomatische Ebene müssen mit der begriffs- und historiografiekritischen ebenso wie die sozioökonomische, administrative und militärische Ebene kolonialer Penetration Britisch-Indiens stets verknüpft gedacht und dargestellt werden. Die jeweiligen Betrachtungs-Schwerpunkte mögen dabei wechseln, das zentrale Problem bleibt jedoch immer ein ideologisches, nämlich die Pax Britannica als herrschaftslegitimierendes Ideologem.

         Unabhängig von der stofflichen Unterteilung des Themas sind auch jene funktional verschiedenen Layer gedanklich auseinanderzuhalten, die das Bild von der Pax Britannica komponieren: erstens ein Layer mit Assoziationen und Konnotaten vom Alltags- bis hin zum Expertenverständnis; zweitens die professionellen Versuche, britisch-indische Realgeschichte zwischen Chaos und Pax im Detail zu beschreiben; drittens eine historiografie- und ideologiekritische Interpretation dieser Interpretationen historischen Materials; viertens natürlich ein Layer mit veranschaulichenden Beispielen wie etwa dem Black Hole von Calcutta, dem Hastings-Impeachment oder dem Delhi-Durbar; schließlich eine gesamtkontextuelle Perspektive, die das Bild in seinen Bedeutungen und Relationen hinsichtlich der größeren Zusammenhänge konturiert; und zuletzt der kontrastierende Hintergrund Indisch-Indiens im gleichsam eigenen Recht.


Das sind erst ca. 6 % des Textes. Wer die gesamte Magisterarbeit incl. der Nachweise, Fußnoten, Literaturliste und Inhaltsübersicht erhalten möchte, folgt diesem Link: www.grin.com/de/preview/54714.html (dort befindet sich auch die ausführliche Inhaltsübersicht)


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